6.3 Konvexe Optimierung
Die SVM ist ein Optimierungsproblem mit Nebenbedingungen (6.2). Dieser Abschnitt klärt die Begriffe und zeigt den entscheidenden Vorteil der SVM gegenüber z.B. neuronalen Netzen: Das Problem ist konvex, jedes lokale Minimum ist also ein globales.
Optimierung unter Nebenbedingungen
📄 08_svm.pdf, Folie 18minimiere
unter den Nebenbedingungen (constraints):
Begriffe:
- Die Funktionen und schränken die Wahl von ein auf die Bereiche, in denen alle Bedingungen erfüllt sind.
- Eine Ungleichheitsbedingung heißt aktiv (active), wenn sie am Minimum gerade noch erfüllt ist, also . Sonst () heißt sie inaktiv (inactive).
- Der Bereich, in dem alle Bedingungen erfüllt sind, heißt zulässiger Bereich (feasible region), ein Punkt darin zulässig (feasible).
Anmerkung: Die Folie schreibt in die Zielzeile und nennt den zulässigen Bereich. Gemeint ist: ist die Menge aller Punkte, die die Nebenbedingungen erfüllen.
Übertragung auf die SVM: Die Optimierungsvariablen sind . Die Nebenbedingungen bringt man in die Normalform :
Es gibt Ungleichheitsbedingungen und keine Gleichheitsbedingungen. Aktiv sind genau die Bedingungen der Supportvektoren (), alle anderen sind inaktiv. Das ist eine sehr nützliche Übersetzung: Supportvektor = Punkt mit aktiver Nebenbedingung.
Lokale und globale Optima
📄 08_svm.pdf, Folie 19- Ein zulässiger Punkt heißt globales Minimum, wenn für alle gilt: .
- Ein zulässiger Punkt heißt lokales Minimum, wenn es einen Radius gibt, sodass für alle mit gilt: .
Die Lösung des Optimierungsproblems ist ein globales Optimum.
Die Abbildung auf der Folie zeigt eine Funktion mit mehreren lokalen Minima. Wichtig: Durch die Einschränkung auf können auch am Rand von lokale Minima entstehen, an Stellen, an denen die Funktion ohne Nebenbedingung weiter fallen würde. Das sind genau die Fälle, in denen eine Nebenbedingung aktiv ist.
📄 08_svm.pdf, Folie 20Das 3D-Beispiel zeigt eine unregelmäßige Funktion mit einer linearen Ungleichheitsbedingung (Halbebene) und einer linearen Gleichheitsbedingung (Gerade). Das globale Minimum mit Nebenbedingung liegt woanders als das ohne Nebenbedingung. Ein lokales Verfahren wie Gradientenabstieg würde bei so einer Funktion je nach Startpunkt in einem anderen lokalen Minimum landen.
Konvexe Mengen und konvexe Funktionen
📄 08_svm.pdf, Folie 21Die Optimierung wird erheblich leichter, wenn das Problem konvex ist.
Eine Menge heißt konvex, wenn für alle und beliebiges gilt:
Intuitiv: Mit je zwei Punkten liegt auch die gesamte Verbindungsstrecke in der Menge. Der Ausdruck durchläuft für von 1 bis 0 genau die Strecke von nach . Eine Menge mit „Einbuchtung“ (wie das Polygon auf der Folie) ist nicht konvex.
Eine Funktion heißt konvex, wenn für alle und beliebiges gilt:
Intuitiv: Die Sehne zwischen zwei Punkten des Graphen liegt nie unterhalb des Graphen. Links steht der Funktionswert an einem Zwischenpunkt, rechts der Wert der Sehne an derselben Stelle. Die Funktion „hängt durch“ wie eine Schüssel.
Ergänzung: Für zweimal differenzierbare Funktionen einer Variablen ist genau dann konvex, wenn überall gilt. Im Mehrdimensionalen: Die Hesse-Matrix ist überall positiv semidefinit.
Quiz: Welche Mengen und Funktionen sind konvex?
📄 08_svm.pdf, Folie 22 📄 08_svm.pdf, Folie 23Die Folien enthalten zwei Bilderquiz ohne Auflösung. Die folgenden Lösungen sind meine Lesart der Bilder, nicht von den Folien.
Lösung Mengen (Folie 22)
| Bild | konvex? | Begründung |
|---|---|---|
| Sanddollar (Scheibe) | ja | Kreisscheibe, keine Einbuchtung |
| Koralle | nein | verzweigt, Verbindungsstrecken verlassen die Menge |
| roter Edelstein (Achteck-Schliff) | ja | konvexes Polyeder |
| Seestern | nein | zwischen den Armen liegen Einbuchtungen |
| Schneeflocke | nein | verzweigte Struktur |
| Kristallkugel (facettiert) | ja | konvexes Polyeder, kugelähnlich |
Lösung Funktionen (Folie 23)
| Position | Form | konvex? |
|---|---|---|
| oben 1 | nach oben geöffnete Parabel | ja |
| oben 2 | Gerade | ja (lineare Funktionen sind konvex und konkav) |
| oben 3 | nach unten geöffnete Parabel | nein (konkav) |
| oben 4 | geknickte Gerade, V-Form | ja (Maximum zweier linearer Funktionen, nicht differenzierbar, trotzdem konvex) |
| unten 1 | fallende, abflachende Kurve | ja |
| unten 2 | fallend mit Plateau und erneutem Abfall | nein (Wendepunkte, Sehne liegt teilweise darunter) |
| unten 3 | zwei Mulden (W-Form) | nein (zwei lokale Minima) |
| unten 4 | zwei Geradenstücke mit Sprung | nein (Sprungstelle, eine konvexe Funktion ist im Inneren ihres Definitionsbereichs stetig) |
Die V-Form (oben 4) ist besonders wichtig: Der Hinge-Loss in 6.6 hat genau so einen Knick und ist trotzdem konvex.
Eigenschaften konvexer Mengen und Funktionen
📄 08_svm.pdf, Folie 24| Aussage | gilt? | Kurzbegründung (Ergänzung) |
|---|---|---|
| Schnittmengen konvexer Mengen sind konvex | ✔ | Liegen in allen Mengen, liegt auch die Strecke in jeder, also im Schnitt |
| Vereinigungen konvexer Mengen sind konvex | ✘ (nicht immer) | Zwei getrennte Kreisscheiben: Die Strecke zwischen ihnen verlässt die Vereinigung |
| Summe zweier konvexer Funktionen ist konvex | ✔ | Ungleichungen addieren |
| Positives Vielfaches einer konvexen Funktion ist konvex | ✔ | Ungleichung mit multiplizieren, Richtung bleibt |
| Differenz zweier konvexer Funktionen ist konvex | ✘ (nicht immer) | ist konkav |
| Ist konvex, so ist die Subniveaumenge konvex | ✔ | siehe unten |
Beweis der letzten Aussage (Ergänzung): Seien und . Dann ist
also liegt auch der Zwischenpunkt in der Menge.
Warum ist das wichtig? Ist jede Ungleichheitsbedingung mit konvexem gegeben, so ist jede einzelne zulässige Menge konvex und damit auch ihr Schnitt, der gesamte zulässige Bereich.
Beispiele für konvexe Funktionen
📄 08_svm.pdf, Folie 25Lineare Funktionen sind konvex
Man rechnet die Differenz „linke Seite minus rechte Seite“ der Definition aus:
Im zweiten Schritt wurde die Linearität des Skalarprodukts benutzt und . Die Differenz ist , also gilt die Konvexitätsungleichung (sogar mit Gleichheit).
ist konvex
Zwischenschritt (auf der Folie übersprungen): Ausmultiplizieren ergibt . Wegen und fasst sich das zu zusammen. Da für und , ist das Ergebnis .
ist konvex
Folgt aus der Konvexität von und : Jeder Summand ist konvex (als Funktion von , die nur von einer Koordinate abhängt), und Summen konvexer Funktionen sind konvex.
Konvexe Optimierungsprobleme
📄 08_svm.pdf, Folie 26Wenn eine konvexe Menge und eine konvexe Funktion ist, dann ist jedes lokale Minimum von ein globales Minimum über .
Beweisidee (Ergänzung, nicht auf den Folien): Angenommen, ist lokales, aber nicht globales Minimum. Dann gibt es ein mit . Wegen der Konvexität von liegt die ganze Strecke von nach in . Wegen der Konvexität von gilt auf der Strecke
Für beliebig kleines gibt es also Punkte beliebig nahe an mit kleinerem Funktionswert. Widerspruch zur lokalen Minimalität.
Konsequenzen:
- Bei konvexen Problemen kann die Lösung mit lokalen Methoden (z.B. Gradientenabstieg) gefunden werden, ohne ganz absuchen zu müssen.
- Achtung: Der Satz sagt nicht, dass für jede konvexe Menge und jede konvexe Funktion ein Minimum existiert. Beispiel (Ergänzung): auf ist konvex, hat aber kein Minimum, die Funktion nähert sich nur der 0 an.
- Unter bestimmten Bedingungen ist die Existenz garantiert, z.B. wenn nichtleer und kompakt (abgeschlossen und beschränkt) und stetig ist (Satz von Weierstraß).
Ergänzung: Ist sogar strikt konvex (Ungleichung strikt für und ), ist das globale Minimum außerdem eindeutig. ist strikt konvex, deshalb ist das optimale der SVM eindeutig.
Ist die SVM-Optimierung konvex?
📄 08_svm.pdf, Folie 27Zur Erinnerung: minimiere unter , .
Schritt für Schritt:
- Die Zielfunktion ist konvex (s.o.) und stetig.
- Die Nebenbedingungen sind lineare Funktionen in und damit ebenfalls konvex.
- Der durch jede Nebenbedingung definierte zulässige Bereich ist daher eine konvexe Menge, hier ein Halbraum im Parameterraum.
- Der gesamte zulässige Bereich ist eine Schnittmenge konvexer Mengen und damit selbst konvex.
Also: Die SVM ist ein konvexes Optimierungsproblem.
Die Halbräume aus Schritt 3 liegen im Parameterraum der , nicht im Datenraum der ! Jeder Trainingspunkt schneidet einen Halbraum aus dem Raum aller möglichen Trennebenen heraus: die Menge der Ebenen, die mit ausreichendem Abstand richtig klassifizieren.
Merkmale der SVM
📄 08_svm.pdf, Folie 28- Der SVM-Algorithmus ist ein konvexes Optimierungsproblem, d.h. jedes lokale Minimum ist eine Lösung.
- Die Zielfunktion ist stetig, und (falls das Problem linear trennbar ist, der zulässige Bereich also nichtleer) ist die Existenz einer Lösung garantiert.
- Im Vergleich zu traditionelleren konnektionistischen Ansätzen (z.B. MLPs, also mehrschichtigen neuronalen Netzen) ist die Konvexität ein entscheidender Vorteil: Man bleibt bei der Optimierung nicht in lokalen Minima hängen und findet immer das globale Minimum („Off-the-shelf“-Algorithmus: funktioniert ohne viel Feintuning).
- Durch das Kriterium der maximalen Trennbreite ist die Wahrscheinlichkeit für Überanpassung gering, unabhängig von der Dimensionalität der Eingangsdaten. Die SVM ist daher auch auf hochdimensionale und (mit Kernen, Kapitel 7) nichtlineare Probleme anwendbar.
Die Folie begründet die Existenz damit, dass der zulässige Bereich „kompakt“ sei. Streng genommen ist der zulässige Bereich (ein Schnitt von Halbräumen) unbeschränkt und damit nicht kompakt: Man kann beliebig groß machen und bleibt zulässig. Die Existenz folgt trotzdem: Wählt man einen zulässigen Punkt , so muss das Minimum in der Menge liegen, und die ist beschränkt und abgeschlossen. (Für braucht man ein ähnliches Argument, solange beide Klassen vorkommen.) Für die Prüfung reicht: konvex, stetig, nichtleer zulässig ⇒ Lösung existiert und ist global.