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Kapitel 4 – Lineare Methoden

Folien: 📄 04_linear_methods_ws26.pdf · Woche 3–4, Prof. Dürr

Worum geht es?​

Dieses Kapitel ist das Fundament für fast alles, was im Rest der Vorlesung (und im Deep-Learning-Teil) kommt. Es behandelt überwachtes Lernen (supervised learning) mit linearen Modellen: Das Modell bildet zuerst eine gewichtete Summe der Eingaben,

z=w1x1+w2x2+⋯+wdxd+b=wTx+b,z = w_1 x_1 + w_2 x_2 + \dots + w_d x_d + b = \boldsymbol w^T \boldsymbol x + b,

und macht daraus dann eine Vorhersage. Je nachdem, was mit zz passiert und welche Verlustfunktion man wählt, entstehen unterschiedliche Verfahren:

VerfahrenAufgabeAusgabeVerlustfunktion
Lineare RegressionRegressiony^=z∈R\hat y = z \in \mathbb Rmittlerer quadratischer Fehler (MSE)
Ridge-RegressionRegressiony^=z\hat y = zMSE + λ∥w∥2\lambda \lVert \boldsymbol w\rVert^2
PerceptronKlassifikationy^=sign⁡(z)\hat y = \operatorname{sign}(z)Perceptron-Loss (Rosenblatt)
Logistische RegressionKlassifikationp=σ(z)∈[0,1]p = \sigma(z) \in [0,1]Kreuzentropie (cross-entropy)

Der rote Faden des Kapitels: Am Anfang werden die Verlustfunktionen ad hoc gewählt („nimm halt den quadratischen Fehler“). Am Ende steht das Maximum-Likelihood-Prinzip, aus dem die Verlustfunktion folgt, sobald man sich für eine Verteilung von YY gegeben xx entschieden hat. MSE ist dann nichts anderes als Maximum Likelihood unter Normalverteilung, Kreuzentropie Maximum Likelihood unter Bernoulli-Verteilung. Genau dieses Rezept trainiert später auch tiefe neuronale Netze.

Als Optimierungsverfahren wird Gradientenabstieg (gradient descent) eingeführt. Bei der linearen Regression gibt es zwar eine geschlossene Lösung (Normalengleichung), aber Gradientenabstieg funktioniert für praktisch jedes Modell und ist das Arbeitspferd des Deep Learning.

Aufbau des Kapitels​

AbschnittInhaltTermin
4.1 Lineare Regression in 1DRegression vs. Klassifikation, parametrische Modelle, Gerade an Daten anpassen, MSE als Verlust6 (20.10.)
4.2 GradientenabstiegUpdate-Regel, Lernrate, Gradient in 2D, Konvexität6 (20.10.)
4.3 Multiple lineare Regression & NormalengleichungDesignmatrix, Notation, Herleitung von w=(XTX)−1XTyw=(X^TX)^{-1}X^Ty6 (20.10.)
4.4 Polynomiale Regression & Ridge-RegressionNichtlineare Effekte mit linearem Modell, Overfitting, L2-Regularisierung7 (27.10.)
4.5 PerceptronLineare Klassifikation mit Vorzeichen, Rosenblatt-Loss, Lernregel6 (20.10.)
4.6 Probabilistische Modelle & Maximum LikelihoodWahrscheinlichkeitsmodelle, Likelihood, NLL, Herleitung MSE aus der Normalverteilung6 (20.10.)
4.7 Logistische RegressionChallenger-Beispiel, Sigmoid, Kreuzentropie, Gradient, Odds und Odds Ratios7 (27.10.)
4.8 Zusammenfassung: Ein linearer Teil, viele VerteilungenNormal/Poisson/Bernoulli, „der Loss wird hergeleitet, nicht erfunden“, Übung Poisson-Regression7 (27.10.)

Die Reihenfolge der Unterseiten folgt den Folien. Laut Folie 36 („Ende erste Vorlesung“) endete der erste Termin in der Vorlesung selbst nach dem Perceptron, die probabilistische Sicht kam also erst im zweiten Termin.

Wie gut ein Modell auf neuen Daten funktioniert (Bias-Varianz-Zerlegung, Kreuzvalidierung, Wahl von λ\lambda oder des Polynomgrads), behandelt Kapitel 5 – Modellbewertung.

Prüfungsrelevant / Selbsttest​

  1. Wie lautet die Normalengleichung, und wie leitet man sie her?
Antwort

Verlust L(w)=∥Xw−y∥2=∑i(∑jXijwj−yi)2L(\boldsymbol w) = \lVert X\boldsymbol w - \boldsymbol y\rVert^2 = \sum_i (\sum_j X_{ij}w_j - y_i)^2. Ableiten nach wkw_k ergibt ∂L/∂wk=2∑i(∑jXijwj−yi)Xik\partial L/\partial w_k = 2\sum_i(\sum_j X_{ij}w_j - y_i)X_{ik}, in Matrixform ∇L=2XT(Xw−y)\nabla L = 2X^T(X\boldsymbol w - \boldsymbol y). Nullsetzen liefert XTXw=XTyX^TX\boldsymbol w = X^T\boldsymbol y (Normalengleichung), also w=(XTX)−1XTy\boldsymbol w = (X^TX)^{-1}X^T\boldsymbol y, sofern XTXX^TX invertierbar ist. Details in 4.3.

  1. Was passiert beim Gradientenabstieg, wenn die Lernrate zu groß bzw. zu klein ist?
Antwort

Zu klein: Jeder Schritt bewegt sich nur wenig, die Konvergenz ist sehr langsam. Zu groß: Man springt über das Minimum hinweg auf die andere Seite des Tals. Ist die Lernrate mehr als doppelt so groß wie der „ideale“ Wert, wird der Abstand zum Minimum mit jedem Schritt größer und das Verfahren divergiert (Folie 11, rechtes Bild). Siehe 4.2.

  1. Warum ist polynomiale Regression trotz x2,x3,…x^2, x^3, \dots ein lineares Modell?
Antwort

„Linear“ bezieht sich auf die Parameter w\boldsymbol w, nicht auf die Eingabe xx. Das Modell y^=w0+w1x+w2x2\hat y = w_0 + w_1x + w_2x^2 ist eine Linearkombination der Spalten 1,x,x21, x, x^2 der erweiterten Designmatrix. Man kann daher genau dieselbe Normalengleichung verwenden.

  1. Was bewirkt der Strafterm λ∑jwj2\lambda\sum_j w_j^2 bei der Ridge-Regression, und wie sieht die Lösung aus?
Antwort

Große Gewichte werden bestraft, die Parameter werden Richtung 0 gezogen (shrinkage). Das glättet die Modellfunktion und reduziert Overfitting. Lösung: w=(XTX+λI)−1XTy\boldsymbol w = (X^TX + \lambda I)^{-1}X^T\boldsymbol y. Weil XTX+λIX^TX + \lambda I für λ>0\lambda > 0 immer invertierbar ist, funktioniert das auch, wenn es mehr Parameter als Datenpunkte gibt. Der Bias bb wird üblicherweise nicht bestraft.

  1. Wie lautet die Lernregel des Perceptrons, und wann konvergiert sie?
Antwort

Für jeden falsch klassifizierten Punkt (yizi≤0y_i z_i \le 0): w←w+η yixi\boldsymbol w \leftarrow \boldsymbol w + \eta\, y_i \boldsymbol x_i, b←b+η yib \leftarrow b + \eta\, y_i. Das ist Gradientenabstieg auf ∑i∈M−yizi\sum_{i\in\mathcal M} -y_i z_i. Der Algorithmus konvergiert (in endlich vielen Schritten), wenn die Klassen linear trennbar sind. Sonst hört er nie auf, Updates zu machen.

  1. Zeige, dass Maximum Likelihood mit yi∼N(wTxi+b,σ)y_i \sim N(\boldsymbol w^T\boldsymbol x_i + b, \sigma) und festem σ\sigma auf den MSE führt.
Antwort

−log⁡∏i12πσ2exp⁡ ⁣(−(yi−μi)22σ2)=Nlog⁡2πσ2+12σ2∑i(yi−μi)2-\log\prod_i \frac{1}{\sqrt{2\pi\sigma^2}}\exp\!\big(-\frac{(y_i-\mu_i)^2}{2\sigma^2}\big) = N\log\sqrt{2\pi\sigma^2} + \frac{1}{2\sigma^2}\sum_i (y_i-\mu_i)^2. Der erste Term hängt nicht von w,b\boldsymbol w, b ab, der Faktor 12σ2\frac{1}{2\sigma^2} ändert die Lage des Minimums nicht. Also: Likelihood maximieren ⇔ Summe der quadrierten Fehler minimieren. Siehe 4.6.

  1. Warum kann man p(x)=w1x+bp(x) = w_1x + b nicht als Modell für eine Ausfallwahrscheinlichkeit nehmen, und was macht die logistische Regression stattdessen?
Antwort

Eine Gerade nimmt beliebige reelle Werte an, also auch Werte unter 0 und über 1, das sind keine Wahrscheinlichkeiten. Die logistische Regression schickt z=w1x+bz = w_1x+b durch die Sigmoidfunktion σ(z)=1/(1+e−z)\sigma(z) = 1/(1+e^{-z}), die R\mathbb R auf (0,1)(0,1) abbildet. Gleichwertig: Die Log-Odds log⁡p1−p\log\frac{p}{1-p} werden linear modelliert.

  1. Leite den Gradienten der Kreuzentropie für die logistische Regression her.
Antwort

Pro Datenpunkt ℓ=−[ylog⁡p+(1−y)log⁡(1−p)]\ell = -[y\log p + (1-y)\log(1-p)] mit p=σ(z)p = \sigma(z), z=wTx+bz = \boldsymbol w^T\boldsymbol x + b. Mit σ′(z)=σ(z)(1−σ(z))\sigma'(z) = \sigma(z)(1-\sigma(z)) ergibt sich ∂ℓ/∂z=−ypp(1−p)+1−y1−pp(1−p)=p−y\partial\ell/\partial z = -\frac{y}{p}p(1-p) + \frac{1-y}{1-p}p(1-p) = p - y. Kettenregel: ∂ℓ/∂wj=(p−y)xj\partial\ell/\partial w_j = (p-y)x_j, ∂ℓ/∂b=p−y\partial\ell/\partial b = p-y. Gemittelt: ∇wNLL=1NXT(p−y)\nabla_{\boldsymbol w}\text{NLL} = \frac1N X^T(\boldsymbol p - \boldsymbol y). Siehe 4.7.

  1. Im Tennisbeispiel ist odds(x=0)=1,2\text{odds}(x=0) = 1{,}2 und odds(x=1)=2\text{odds}(x=1) = 2. Wie groß sind Odds Ratio und w1w_1? Welches Vorzeichen hat w1w_1 im Challenger-Beispiel?
Antwort

OR=2/1,2≈1,67OR = 2/1{,}2 \approx 1{,}67, w1=log⁡OR≈0,51w_1 = \log OR \approx 0{,}51. Im Challenger-Beispiel (Y=1Y=1: Dichtungsring defekt, xx: Temperatur) nimmt die Ausfallwahrscheinlichkeit mit steigender Temperatur ab, also ist w1<0w_1 < 0.

  1. Nenne für Normal-, Poisson- und Bernoulli-Verteilung jeweils das „Adapter“-Glied zwischen linearem Teil und Verteilungsparameter und den resultierenden Loss.
Antwort

Normal: kein Adapter (μ=z\mu = z), Loss MSE. Poisson: λ=exp⁡(z)\lambda = \exp(z) (muss positiv sein), Loss 1N∑i(λi−yilog⁡λi)\frac1N\sum_i(\lambda_i - y_i\log\lambda_i). Bernoulli: p=σ(z)p = \sigma(z) (muss in [0,1][0,1] liegen), Loss Kreuzentropie. Siehe 4.8.