1.4 Sampling, Parameterschätzung und Güte von Schätzern
Diese Seite geht beide Richtungen des Urnenbilds aus 1.2 durch: erst Modell → Daten (Sampling), dann Daten → Modell (Parameterschätzung, also Training), und schließlich die Frage, wie gut eine Schätzung ist. Begleitend gibt es das Jupyter-Notebook intro.ipynb aus dem Repository ioskn/mldl_htwg 📄 02_recap_stats_ws26.pdf, Folie 18.
Wahrscheinlichkeit: das Modell
📄 02_recap_stats_ws26.pdf, Folie 27 Zwei Modelle mit bekannten Parametern:
1. Münzwurf, Binomialverteilung. Eine Münze wird -mal geworfen, die Wahrscheinlichkeit für „Kopf“ ist . Wie wahrscheinlich sind -mal Kopf?
Ergänzung, nicht auf den Folien: Die pmf der Binomialverteilung ist
Zahlenbeispiel: . Im Mittel erwartet man -mal Kopf.
2. Benzinverbrauch, Normalverteilung. Man fährt 100 km, wie viele Liter Benzin braucht man? Annahme: Die Daten werden aus einer Normalverteilung mit , gezogen (sampled/drawn from, generated by):
Ergänzung, nicht auf den Folien: Die Dichte ist . Etwa 68 % der Werte liegen in , hier also zwischen 5 und 7 Litern, etwa 95 % in .
Die Folie lässt bewusst den Unterschied zwischen der Zufallsvariable (Großbuchstabe) und einer konkreten Realisierung (Kleinbuchstabe) weg. Streng genommen schreibt man . Beachte auch: In der Vorlesung heißt der Parameter der Binomialverteilung (nicht die Kreiszahl!), anderswo oft .
Modell → Daten: Sampling
📄 02_recap_stats_ws26.pdf, Folie 28 Zieht man aus einem Modell, variieren die Daten: Jede Ziehung liefert andere Werte. Im Notebook wird das Auto-Beispiel mit NumPy simuliert:
import numpy as np
x = np.random.normal(loc=6, scale=1, size=10) # 10 Fahrten à 100 km
# z. B. [6.27, 5.95, 5.76, 5.09, 5.42, 6.76, 6.50, 5.02, 6.10, 6.75]
scale ist die Standardabweichungnp.random.normal erwartet in scale die Standardabweichung , nicht die Varianz . Bei ist das egal, bei müsste man scale=2 schreiben.
Man kann sich das Modell als Maschine mit Drehknöpfen vorstellen: Die Knöpfe sind die Parameter und . Dreht man an ihnen, ändern sich die erzeugten Daten.
muss keine einzelne Zahl sein. Die Folie zeigt 15 Gesichter, die aus dem Deep-Learning-Modell Glow gezogen wurden (über 100 Mio. Parameter, 800 MB). Jedes Bild ist ein mit Werten (Pixel × Farbkanäle). Diese Menschen existieren nicht. Das Prinzip ist aber dasselbe wie bei np.random.normal: ein Modell mit Parametern, aus dem man zieht. Nur hat es eben 100 Millionen „Drehknöpfe“ statt zwei.
Daten → Modell: Inferenz (Training)
📄 02_recap_stats_ws26.pdf, Folie 29 Jetzt die umgekehrte Richtung: Die Parameter sind unbekannt, man hat nur die Daten. Das nennt man Parameterschätzung (parameter estimation).
Münze: 20 Würfe, -mal Kopf beobachtet. Bester Tipp für ?
Naheliegend ist die relative Häufigkeit:
Das Dach kennzeichnet einen Schätzwert (estimate) im Gegensatz zum wahren, unbekannten Parameter.
Auto: 10 Fahrten, beobachtet:
6,27045683; 5,94976189; 5,76105195; 5,09243634; 5,42322867; 6,75539123; 6,50091719; 5,02244476; 6,09933231; 6,75138712.
Annahme . Bester Tipp für und ? Naheliegend: Mittelwert und empirische Standardabweichung.
Die Daten wurden tatsächlich mit erzeugt (es sind dieselben Werte wie auf Folie 28). Die Schätzungen liegen in der Nähe, sind aber nicht exakt gleich, weil 10 Werte nur eine zufällige Stichprobe sind.
Ergänzung, nicht auf den Folien: Beide Schätzer ( und ) sind auch die Maximum-Likelihood-Schätzer: Sie wählen die Parameter, unter denen die beobachteten Daten am wahrscheinlichsten sind. Das Prinzip kommt später in der Vorlesung wieder.
Güte der Schätzung: Stichprobenverteilung
📄 02_recap_stats_ws26.pdf, Folie 30 Ist der Mittelwert der Daten eine gute Schätzung für den Erwartungswert?
Die zentrale Idee: Ein Schätzer wie ist selbst eine Zufallsvariable. Würde man das Experiment (10 Fahrten) wiederholen, bekäme man andere Daten und damit einen anderen Mittelwert. Wiederholt man es sehr oft und zeichnet ein Histogramm aller Mittelwerte, erhält man die Stichprobenverteilung (sampling distribution) des Schätzers. Die Folie zeigt genau das: ein glockenförmiges Histogramm, zentriert bei 6, das etwa von 5 bis 7 reicht.
mus = [np.random.normal(6, 1, size=10).mean() for _ in range(10000)]
np.mean(mus), np.std(mus) # ≈ 6.0 und ≈ 0.32
Drei Gütekriterien:
| Kriterium | Bedeutung | Im Histogramm |
|---|---|---|
| Erwartungstreue (unbiasedness) | Der Erwartungswert des Schätzers ist der wahre Wert: | Histogramm ist beim wahren Wert zentriert |
| Konsistenz (consistency) | Für Stichprobengröße geht der Schätzer gegen den wahren Wert | Histogramm wird mit wachsendem immer schmaler um den wahren Wert |
| Effizienz (efficiency) | Die Streuung der Stichprobenverteilung soll klein sein | schmales Histogramm |
Die Folie merkt an, dass Konsistenz exakt zu formulieren „etwas kompliziert“ ist (es geht um Konvergenz in Wahrscheinlichkeit), das braucht man hier nicht.
Erwartungstreu heißt: Die Schüsse liegen im Mittel auf der Mitte. Effizient heißt: Die Schüsse liegen eng beieinander. Ein Schätzer kann erwartungstreu, aber ineffizient sein (weit gestreut um die Mitte) oder effizient, aber verzerrt (eng beieinander, aber daneben).
Herleitung: der Mittelwert ist erwartungstreu
Laut Folie 1 an der Tafel erklärt, Formeln nicht auf den Folien. Seien unabhängig und identisch verteilt (i.i.d.) mit und . Mit der Linearität des Erwartungswerts:
Herleitung: Streuung des Mittelwerts
Ebenfalls Tafel, nicht auf den Folien. Wegen der Unabhängigkeit addieren sich die Varianzen, und der Faktor geht quadratisch ein:
Die Standardabweichung eines Schätzers heißt Standardfehler (standard error). Im Auto-Beispiel: . Das passt zum Histogramm auf Folie 30: Etwa 95 % der Mittelwerte liegen in , also ungefähr zwischen 5,4 und 6,6.
Daraus folgt die Konsistenz: Für geht , die Stichprobenverteilung zieht sich auf zusammen.
Um den Standardfehler zu halbieren, braucht man die vierfache Datenmenge, nicht die doppelte. Für eine zehnmal genauere Schätzung braucht man hundertmal so viele Daten.
Warum n-1 in der empirischen Varianz?
Ergänzung, nicht auf den Folien (das „unbiasedness“-Thema der Tafel). Würde man verwenden, unterschätzte man systematisch. Grund: ist aus denselben Daten berechnet und liegt deshalb „näher“ an den Daten als das wahre . Formal: Mit der Zerlegung
folgt
Teilt man also durch , ist erwartungstreu: . Man sagt auch: Durch das Schätzen von geht ein Freiheitsgrad verloren.
Im Auto-Beispiel: mit ist , mit wären es . Für große wird der Unterschied vernachlässigbar.
Die Macht des Samplings
📄 02_recap_stats_ws26.pdf, Folie 32 Oft machen scheinbar einfache Statistik-Fragen analytisch Probleme. Dann gilt: Wenn möglich, sample!
Beispiel: (gleichverteilt auf ). Wie ist verteilt, und was ist der Mittelwert?
Per Sampling (Demo im Notebook, 📄 02_recap_stats_ws26.pdf, Folie 33):
x = np.random.uniform(0, 1, size=100_000)
y = x**2
y.mean() # ≈ 0.333
# plt.hist(y, bins=100, density=True) → viele Werte nahe 0, wenige nahe 1
Das Histogramm zeigt sofort: ist nicht gleichverteilt. Quadrieren drückt Werte unter 1 Richtung 0 (z. B. ), also häufen sich die -Werte bei 0.
Analytisch (die Folie stellt das als Übung „mit Variablentransformation“, change of variable; die folgende Lösung steht nicht auf den Folien):
- cdf von : Für gilt denn bei der Gleichverteilung auf ist .
- Dichte durch Ableiten: Die Dichte geht für gegen unendlich, das erklärt den hohen Balken links im Histogramm. Trotzdem ist die Fläche .
- Mittelwert: Am einfachsten direkt über :
. Hier ist , aber . Die Differenz ist genau die Varianz: . Allgemein gilt für nichtlineare .
Warum ist das für ML wichtig? Bei komplexen Modellen (neuronale Netze, Glow, LLMs) ist eine analytische Rechnung praktisch unmöglich. Sampling funktioniert dagegen immer, solange man aus dem Modell ziehen kann.