Bisher: Wie kann man aus einer gegebenen Abbildung Φ in den Merkmalsraum einen Kern konstruieren? (Antwort: k(x,y)=⟨Φ(x)⋅Φ(y)⟩ ausrechnen und vereinfachen, siehe 7.3.)
Umgekehrte Frage: Wie kann man überprüfen, ob eine beliebige zweistellige Funktion k(x,y) eine Kernfunktion ist, ob es also irgendeinΦ gibt mit k(x,y)=⟨Φ(x)⋅Φ(y)⟩? Antwort: das Mercer-Theorem.
Durch das Mercer-Theorem kann man Kernfunktionen konstruieren, ohne die Einbettung zu kennen, z. B. durch Anwendung bestimmter Kombinationsregeln (siehe 7.6).
Warum ist das wichtig? Wenn man irgendeine „Ähnlichkeitsfunktion“ in die SVM steckt, die kein echtes Skalarprodukt ist, gibt es keinen Merkmalsraum, in dem die SVM eine Trennebene sucht. Die ganze Geometrie (Margin, Abstände) bricht zusammen, und das Optimierungsproblem ist eventuell nicht mehr konvex (Ergänzung: der quadratische Term ∑αiαjyiyjk(xi,xj) kann dann negativ werden, das Problem ist nach unten unbeschränkt oder hat lokale Optima).
Notwendige Voraussetzung: Symmetrie. Weil das Skalarprodukt symmetrisch ist, muss auch jeder Kern symmetrisch sein:
Die Integralbedingung heißt Mercer-Bedingung. Sie ist das kontinuierliche Gegenstück zu v⊤Kv≥0: Statt über eine Summe ∑i,jvivjKij wird über ein Doppelintegral mit einer Funktion f als „unendlich langem Vektor“ summiert.
Ergänzung, nicht auf den Folien: Die ϕi und λi sind die Eigenfunktionen und Eigenwerte des Integraloperators (Tkf)(x)=∫Xk(x,y)f(y)dy, also Tkϕi=λiϕi. Das ist die unendlichdimensionale Version der Eigenzerlegung K=∑iλiuiui⊤ einer symmetrischen Matrix. Die Mercer-Bedingung sagt: Alle Eigenwerte sind nichtnegativ.
Die Mercer-Bedingung ist mit Integralen unhandlich. Aus dem Mercer-Theorem folgt eine praktischere, äquivalente Charakterisierung über endliche Punktmengen:
Positiv definite Kerne
k(x,y) ist genau dann eine gültige Kernfunktion, wenn
für jede endliche Menge von Trainingsdatenpunkten x1,x2,…,xl∈X
und für jeden Vektor v∈Rl
v⊤Kv≥0mitKij=k(xi,xj)
gilt.
D. h. die Gram-Matrix (Gram matrix, auch Kernmatrix) K muss auf jeder denkbaren Trainingsmenge positiv semidefinit (positive semidefinite, psd) sein.
Im Kern-Kontext heißt ein Kern traditionell positiv definit, wenn seine Gram-Matrizen positiv semidefinit sind (v⊤Kv≥0, Gleichheit erlaubt). Die Folie verwendet genau diese Konvention. In der linearen Algebra hieße „positiv definit“ dagegen v⊤Kv>0 für v=0. In der Prüfung: Die Gram-Matrix muss positiv semidefinit sein.
Eine quadrierte Länge kann nicht negativ sein. Die Umkehrung (psd auf allen endlichen Mengen ⇒ es gibt ein Φ) ist der eigentlich tiefe Teil und folgt aus dem Mercer-Theorem.
Drei Punkte x1=(1,0), x2=(0,1), x3=(1,1), linearer Kern k(x,y)=x⊤y:
K=101011112.
Symmetrisch ✔, Diagonale nichtnegativ ✔ (das sind ∥xi∥2).
Mit v=(1,1,−1)⊤: Kv=(0,0,0)⊤, also v⊤Kv=0. Das passt: x1+x2−x3=0, die Punkte sind linear abhängig. K ist also positiv semidefinit, aber nicht positiv definit (im Sinn der linearen Algebra). Das ist erlaubt.
Eigenwerte (zur Kontrolle): 0,1,3, alle nichtnegativ ✔.
Gleiche Punkte, k(x,y)=(x⊤y)2, man quadriert also einfach jeden Eintrag von oben:
K=101011114,v=(1,1,−1)⊤:v⊤Kv=1+1+4−2−2=2>0.
Im Merkmalsraum sind Φ(x1)=(1,0,0), Φ(x2)=(0,0,1), Φ(x3)=(1,2,1) linear unabhängig. Das ist der Effekt der nichtlinearen Einbettung: Was im Eingaberaum abhängig war, wird im Merkmalsraum unabhängig, und die Daten werden „leichter trennbar“.
Ist das quadrierte Abstandsmaß k(x,y)=∥x−y∥2 ein Kern? Es ist symmetrisch. Aber nimm in 1D die Punkte x1=0, x2=1:
K=(0110),v=(1,−1)⊤:v⊤Kv=0−1−1+0=−2<0.
Kein gültiger Kern. Das ist auch anschaulich: Ein Abstand ist ein Unähnlichkeitsmaß (groß für verschiedene Punkte), ein Kern dagegen ein Ähnlichkeitsmaß. Ein schneller Test: Für jeden gültigen Kern ist k(x,x)=∥Φ(x)∥2≥0 und (Cauchy-Schwarz) k(x,y)2≤k(x,x)k(y,y). Hier ist k(0,0)=0, aber k(0,1)=1, Widerspruch.
Checkliste: Ist k ein Kern?
Symmetrisch? Wenn nein: kein Kern.
Diagonalek(x,x)≥0 und k(x,y)2≤k(x,x)k(y,y)? Wenn verletzt: kein Kern. (Ergänzung)
Gegenbeispiel suchen: zwei oder drei Punkte, Gram-Matrix aufstellen, v mit v⊤Kv<0 finden (z. B. Eigenvektor zum negativen Eigenwert).
Positiv zeigen: explizites Φ angeben (7.3) oder k aus bekannten Kernen mit den Kombinationsregeln zusammensetzen.
Fallstrick
Dass die Gram-Matrix auf deinem Datensatz psd ist, beweist nicht, dass k ein Kern ist. Die Bedingung muss für jede endliche Punktmenge gelten. Umgekehrt genügt ein Gegenbeispiel, um zu zeigen, dass k kein Kern ist.