Zum Hauptinhalt springen

7.4 Unendlichdimensionale Merkmalsräume

Der Kernel-Trick erlaubt sogar Merkmalsräume mit unendlich vielen Dimensionen. Damit das mathematisch sauber ist, braucht man einen kurzen Einschub über unendlichdimensionale Vektorräume.

Folgen als unendlichdimensionale Vektoren​

📄 10_kern.pdf, Folie 17

Unendlichdimensionale Vektoren kann man als unendliche Zahlenfolgen auffassen:

x=(x1,x2,x3,…,xi,… )odery=(y1,y2,y3,…,yi,… ).\mathbf{x} = (x_1, x_2, x_3, \dots, x_i, \dots) \qquad\text{oder}\qquad \mathbf{y} = (y_1, y_2, y_3, \dots, y_i, \dots).

Unendliche Folgen verhalten sich in vieler Hinsicht genau wie Vektoren im Rd\mathbb{R}^d, sie bilden einen Vektorraum VV, den Folgenraum ll:

  1. Zwei Folgen kann man addieren und erhält wieder eine gültige Folge:
x+y=(x1+y1, x2+y2, …, xi+yi, … )∈V.\mathbf{x}+\mathbf{y} = (x_1+y_1,\ x_2+y_2,\ \dots,\ x_i+y_i,\ \dots)\in V .
  1. Eine Folge kann man mit einer Zahl multiplizieren und erhält wieder eine gültige Folge:
a⋅x=(ax1, ax2, …, axi, … )∈V.a\cdot\mathbf{x} = (ax_1,\ ax_2,\ \dots,\ ax_i,\ \dots)\in V .

Normen und der Raum lpl_p​

📄 10_kern.pdf, Folie 18

Leider lassen sich viele bekannte Eigenschaften des Rd\mathbb{R}^d nicht ohne Weiteres auf den Folgenraum übertragen. Ohne Einschränkungen an die erlaubten Folgen kann man z. B. weder eine Länge (Norm) noch ein Skalarprodukt definieren. Beispiel (Ergänzung): Für x=(1,1,1,… )\mathbf{x} = (1, 1, 1, \dots) wäre ∑ixi2=∞\sum_i x_i^2 = \infty. Ebenso wenig kann man eine (konstruktiv angebbare) Basis für den allgemeinen Folgenraum finden.

Vorgehensweise: Man definiert eine Norm für Folgen,

∥x∥p=(∑i=1∞∣xi∣p)1/p,\lVert\mathbf{x}\rVert_p = \Big(\sum_{i=1}^{\infty}\lvert x_i\rvert^p\Big)^{1/p},

und betrachtet nur Folgen, bei denen diese Summe endlich ist. Diese Folgen bilden wieder einen Vektorraum lpl_p: Addition und Multiplikation mit einer Zahl führen wieder auf eine Folge mit endlicher Norm. Man sagt, diese Teilmenge von Folgen bildet einen normierten linearen Raum (normed linear space).

Beispiele (Ergänzung):

Folge∥⋅∥22=∑xi2\lVert\cdot\rVert_2^2 = \sum x_i^2in l2l_2?
(1,1,1,… )(1, 1, 1, \dots)∞\inftynein
(1,12,13,14,… )(1, \tfrac12, \tfrac13, \tfrac14, \dots)∑1/i2=π2/6\sum 1/i^2 = \pi^2/6ja
(1,12,14,18,… )(1, \tfrac12, \tfrac14, \tfrac18, \dots)∑1/4i=4/3\sum 1/4^i = 4/3ja
(1,12,13,… )(1, \tfrac{1}{\sqrt2}, \tfrac{1}{\sqrt3}, \dots)∑1/i=∞\sum 1/i = \infty (harmonische Reihe)nein

Skalarprodukt auf l2l_2​

📄 10_kern.pdf, Folie 19

Für den Folgenraum l2l_2 (Folgen mit endlicher Quadratsumme) kann man ein kanonisches Skalarprodukt definieren:

⟨x⋅y⟩=∑i=1∞xiyi.\langle\mathbf{x}\cdot\mathbf{y}\rangle = \sum_{i=1}^{\infty} x_iy_i .

Man kann zeigen, dass dieses Skalarprodukt für jede Kombination von Folgen aus l2l_2 endlich ist. Ergänzung – warum: Wegen ∣xiyi∣≤12(xi2+yi2)\lvert x_iy_i\rvert \le \tfrac12(x_i^2 + y_i^2) gilt ∑∣xiyi∣≤12(∥x∥22+∥y∥22)<∞\sum\lvert x_iy_i\rvert \le \tfrac12\big(\lVert\mathbf{x}\rVert_2^2 + \lVert\mathbf{y}\rVert_2^2\big) \lt \infty.

Analog zum Endlichdimensionalen mit den beiden Fällen ⟨x⋅y⟩=x⊤y\langle x\cdot y\rangle = x^\top y und ⟨x⋅y⟩S=x⊤Sy\langle x\cdot y\rangle_S = x^\top S y (mit positiv definiter Matrix SS) kann man auch hier ein verallgemeinertes Skalarprodukt mit einer Folge nichtnegativer Gewichte λ=(λ1,λ2,…,λi,… )\boldsymbol\lambda = (\lambda_1, \lambda_2, \dots, \lambda_i, \dots) definieren:

⟨x⋅y⟩λ=∑i=1∞λixiyi.\langle\mathbf{x}\cdot\mathbf{y}\rangle_{\boldsymbol\lambda} = \sum_{i=1}^{\infty}\lambda_i x_i y_i .

Das entspricht x⊤Syx^\top S y mit einer (unendlichen) Diagonalmatrix S=diag⁡(λ1,λ2,… )S = \operatorname{diag}(\lambda_1, \lambda_2, \dots). Ergänzung: Für echte positive Definitheit braucht man streng genommen λi>0\lambda_i \gt 0; Komponenten mit λi=0\lambda_i = 0 spielen einfach keine Rolle und können weggelassen werden.

Lineare Maschinen in unendlichdimensionalen Merkmalsräumen​

📄 10_kern.pdf, Folie 20

Jetzt sei die Einbettung Φ(x)=(ϕ1(x),ϕ2(x),… )\Phi(\mathbf{x}) = (\phi_1(\mathbf{x}), \phi_2(\mathbf{x}), \dots) eine unendliche Folge von Merkmalen.

Voraussetzung für eine funktionierende lineare Maschine: Für alle denkbaren Inputwerte x\mathbf{x} muss

∑i=1∞λi ϕi(x)2<∞\sum_{i=1}^{\infty}\lambda_i\,\phi_i(\mathbf{x})^2 \lt \infty

gelten. Nur dann ist das (gewichtete) Skalarprodukt für alle Kombinationen von x\mathbf{x} und y\mathbf{y} endlich, und es existiert eine Kernfunktion

k(x,y)=⟨Φ(x)⋅Φ(y)⟩=∑i=1∞λi ϕi(x) ϕi(y).k(\mathbf{x},\mathbf{y}) = \langle\Phi(\mathbf{x})\cdot\Phi(\mathbf{y})\rangle = \sum_{i=1}^{\infty}\lambda_i\,\phi_i(\mathbf{x})\,\phi_i(\mathbf{y}) .

Der entscheidende Punkt: Durch die Kernfunktion lässt sich die Lernmaschine im Dualen durch eine endliche Anzahl von Termen darstellen:

f(x)=∑i=1∞λiwiϕi(x)+b⏟primal: unendlich viele Gewichte=∑i=1ℓαiyi k(x,xi)+b⏟dual: ℓ Gewichte.f(\mathbf{x}) = \underbrace{\sum_{i=1}^{\infty}\lambda_i w_i\phi_i(\mathbf{x}) + b}_{\text{primal: unendlich viele Gewichte}} = \underbrace{\sum_{i=1}^{\ell}\alpha_i y_i\, k(\mathbf{x},\mathbf{x}_i) + b}_{\text{dual: } \ell \text{ Gewichte}} .

Primal bräuchte man unendlich viele Gewichte wiw_i, das ist nicht berechenbar. Dual sind es nur ℓ\ell Gewichte αi\alpha_i, eines pro Trainingspunkt, und die unendliche Summe steckt komplett in der geschlossen auswertbaren Funktion kk.

Beispiel: ein Kern mit unendlich vielen Merkmalen​

Ergänzung, nicht auf den Folien. Der Gaußkern (RBF-Kern) aus 7.6 ist so ein Fall. In 1D mit σ=1\sigma = 1:

k(x,y)=e−(x−y)22=e−x22 e−y22 exy=e−x22 e−y22∑n=0∞(xy)nn!=∑n=0∞ϕn(x) ϕn(y)k(x,y) = e^{-\frac{(x-y)^2}{2}} = e^{-\frac{x^2}{2}}\, e^{-\frac{y^2}{2}}\, e^{xy} = e^{-\frac{x^2}{2}}\, e^{-\frac{y^2}{2}} \sum_{n=0}^{\infty}\frac{(xy)^n}{n!} = \sum_{n=0}^{\infty}\phi_n(x)\,\phi_n(y)

mit

ϕn(x)=e−x22 xnn!,n=0,1,2,…\phi_n(x) = e^{-\frac{x^2}{2}}\,\frac{x^n}{\sqrt{n!}}, \qquad n = 0, 1, 2, \dots

Benutzt wurden (x−y)2=x2−2xy+y2(x-y)^2 = x^2 - 2xy + y^2 und die Exponentialreihe et=∑ntn/n!e^t = \sum_n t^n/n!. Der zugehörige Merkmalsraum enthält also (gedämpfte) Monome aller Grade, er ist unendlichdimensional. Trotzdem kostet k(x,y)k(x,y) nur eine Subtraktion, ein Quadrat und eine Exponentialfunktion. Die Bedingung von oben ist erfüllt: ∑nϕn(x)2=e−x2ex2=1<∞\sum_n\phi_n(x)^2 = e^{-x^2}e^{x^2} = 1 \lt \infty.

Intuition

Ein unendlichdimensionaler Merkmalsraum klingt nach unbegrenzter Kapazität und damit nach garantierter Überanpassung. Warum das bei der SVM trotzdem funktioniert, steht am Ende von 7.6: Die Margin-Maximierung kontrolliert die Komplexität, nicht die Dimension.