Der Kernel-Trick erlaubt sogar Merkmalsräume mit unendlich vielen Dimensionen. Damit das mathematisch sauber ist, braucht man einen kurzen Einschub über unendlichdimensionale Vektorräume.
Leider lassen sich viele bekannte Eigenschaften des Rdnicht ohne Weiteres auf den Folgenraum übertragen. Ohne Einschränkungen an die erlaubten Folgen kann man z. B. weder eine Länge (Norm) noch ein Skalarprodukt definieren. Beispiel (Ergänzung): Für x=(1,1,1,…) wäre ∑ixi2=∞. Ebenso wenig kann man eine (konstruktiv angebbare) Basis für den allgemeinen Folgenraum finden.
Vorgehensweise: Man definiert eine Norm für Folgen,
∥x∥p=(i=1∑∞∣xi∣p)1/p,
und betrachtet nur Folgen, bei denen diese Summe endlich ist. Diese Folgen bilden wieder einen Vektorraum lp: Addition und Multiplikation mit einer Zahl führen wieder auf eine Folge mit endlicher Norm. Man sagt, diese Teilmenge von Folgen bildet einen normierten linearen Raum (normed linear space).
Für den Folgenraum l2 (Folgen mit endlicher Quadratsumme) kann man ein kanonisches Skalarprodukt definieren:
⟨x⋅y⟩=i=1∑∞xiyi.
Man kann zeigen, dass dieses Skalarprodukt für jede Kombination von Folgen aus l2endlich ist. Ergänzung – warum: Wegen ∣xiyi∣≤21(xi2+yi2) gilt ∑∣xiyi∣≤21(∥x∥22+∥y∥22)<∞.
Analog zum Endlichdimensionalen mit den beiden Fällen ⟨x⋅y⟩=x⊤y und ⟨x⋅y⟩S=x⊤Sy (mit positiv definiter Matrix S) kann man auch hier ein verallgemeinertes Skalarprodukt mit einer Folge nichtnegativer Gewichte λ=(λ1,λ2,…,λi,…) definieren:
⟨x⋅y⟩λ=i=1∑∞λixiyi.
Das entspricht x⊤Sy mit einer (unendlichen) DiagonalmatrixS=diag(λ1,λ2,…). Ergänzung: Für echte positive Definitheit braucht man streng genommen λi>0; Komponenten mit λi=0 spielen einfach keine Rolle und können weggelassen werden.
Lineare Maschinen in unendlichdimensionalen Merkmalsräumen
Jetzt sei die Einbettung Φ(x)=(ϕ1(x),ϕ2(x),…) eine unendliche Folge von Merkmalen.
Voraussetzung für eine funktionierende lineare Maschine: Für alle denkbaren Inputwerte x muss
i=1∑∞λiϕi(x)2<∞
gelten. Nur dann ist das (gewichtete) Skalarprodukt für alle Kombinationen von x und y endlich, und es existiert eine Kernfunktion
k(x,y)=⟨Φ(x)⋅Φ(y)⟩=i=1∑∞λiϕi(x)ϕi(y).
Der entscheidende Punkt: Durch die Kernfunktion lässt sich die Lernmaschine im Dualen durch eine endliche Anzahl von Termen darstellen:
f(x)=primal: unendlich viele Gewichtei=1∑∞λiwiϕi(x)+b=dual: ℓ Gewichtei=1∑ℓαiyik(x,xi)+b.
Primal bräuchte man unendlich viele Gewichte wi, das ist nicht berechenbar. Dual sind es nur ℓ Gewichte αi, eines pro Trainingspunkt, und die unendliche Summe steckt komplett in der geschlossen auswertbaren Funktion k.
Beispiel: ein Kern mit unendlich vielen Merkmalen
Ergänzung, nicht auf den Folien. Der Gaußkern (RBF-Kern) aus 7.6 ist so ein Fall. In 1D mit σ=1:
Benutzt wurden (x−y)2=x2−2xy+y2 und die Exponentialreihe et=∑ntn/n!. Der zugehörige Merkmalsraum enthält also (gedämpfte) Monome aller Grade, er ist unendlichdimensional. Trotzdem kostet k(x,y) nur eine Subtraktion, ein Quadrat und eine Exponentialfunktion. Die Bedingung von oben ist erfüllt: ∑nϕn(x)2=e−x2ex2=1<∞.
Intuition
Ein unendlichdimensionaler Merkmalsraum klingt nach unbegrenzter Kapazität und damit nach garantierter Überanpassung. Warum das bei der SVM trotzdem funktioniert, steht am Ende von 7.6: Die Margin-Maximierung kontrolliert die Komplexität, nicht die Dimension.