4.6 Probabilistische Modelle & Maximum Likelihood
Motivation: Woher kommt die Verlustfunktion?
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 38 stellt die bisherigen Modelle gegenüber:
| Lineare Regression | Perceptron | |
|---|---|---|
| Modell | , | |
| Verlust | (quadratisch) | (0, wenn getrennt) |
| Idee | kleine Abweichungen von den Daten | die beiden Klassen einfach trennen |
| Aber | Warum quadratisch? Warum nicht ? | Welche der Trennlinien? Wie sicher ist der Klassifikator? |
Beide Verluste sind plausibel, aber keiner ist zwingend. Die probabilistische Behandlung löst das: Die Verlustfunktion folgt aus dem Modell (Maximum Likelihood).
Warum probabilistisch?
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 39- Schlussfolgerungen aus Daten sind grundsätzlich unsicher. Wahrscheinlichkeitstheorie modelliert diese Unsicherheit, statt sie zu ignorieren.
- Vereinheitlichender Rahmen: Maximum Likelihood liefert die Verlustfunktion. Viele ML-Algorithmen und fast alle DL-Algorithmen lassen sich so auffassen.
- Verallgemeinerungen werden einfach: lineare Regression → logistische Regression, multinomiale Regression, Zähldaten. AdaBoost → XGBoost.
- Literatur: Bishop Kap. 1.2.5, Deep Learning Book Kap. 3, Murphy Probabilistic Machine Learning: An Introduction.
Probabilistische Modelle
Ein Würfel als einfachstes Beispiel
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 41 Ein unbedingtes Modell (unconditional model) beschreibt die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Daten ohne Eingabe . Beim Würfel sind die Parameter , , … Die Folie zeigt einen gezinkten Würfel mit und .
Quiz: Wie viele Parameter hat ein Würfel? Sechs Wahrscheinlichkeiten, die sich zu 1 summieren müssen. Also 5 freie Parameter, der sechste ergibt sich.
Das berühmteste probabilistische Modell
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 42 Ein Large Language Model (LLM) ist ein bedingtes Modell : die Wahrscheinlichkeit für das nächste Token (Wort) gegeben den Kontext . Für „The weather is really nice today. I'm thinking about going for a …“ gibt es eine Verteilung über alle möglichen nächsten Wörter.
Quiz: Wie viele Parameter hat ein LLM? Ergänzung: Milliarden bis Billionen.
Die Normalverteilung
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 43 Der „Archetyp“ probabilistischer Modelle ist die Gaußverteilung mit Dichte
Quiz: Wie viele Parameter? Zwei, und .
Lineare Regression als probabilistisches Modell
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 44 Der Trick: ist für jedes anders, wird bei der Standard-Regression als konstant angenommen („homoskedastisch“, homoscedastic):
Das Bild auf der Folie: Über jedem -Wert (Alter 22, 47, 71) steht eine Glockenkurve, deren Mitte auf der Regressionsgeraden liegt. Alle Glocken sind gleich breit. Die Gerade sagt also nicht mehr „der Blutdruck ist “, sondern „der Blutdruck ist im Mittel und streut mit darum“.
Quiz: Wie viele Parameter hat die 1D-Regression? Drei: , und .
Die interaktive Demo 📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 45 zeigt das Modell mit den Glocken („violins“) über jedem Punkt und die negative Log-Likelihood als Gütemaß.
Zusammenfassung probabilistische Modelle
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 46 Man modelliert eine Zufallsvariable . Das Modell liefert nicht einen Wert, sondern die Parameter einer Verteilung:
| Modell | Verteilung |
|---|---|
| Lineare Regression | |
| LLM | |
| Würfel |
Weitere Beispiele: Zähldaten (Übung, 4.8), zensierte Daten, …
Generative Modelle: Wahrscheinlichkeitstheorie vs. Statistik
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 47 zeigt das Urnenbild:
- Wahrscheinlichkeitstheorie (sampling): Man kennt den Inhalt der Urne (das Modell) und fragt, welche Daten man mit welcher Wahrscheinlichkeit ziehen wird.
- (Inferenz-)Statistik (inference / training): Man hat die Daten in der Hand und fragt, was man daraus über die Urne (die Parameter) sagen kann und wie sicher man sich ist.
Training eines ML-Modells ist der zweite Weg: von den Daten auf die Parameter schließen.
Maximum-Likelihood-Optimierung
Mit Maximum Likelihood lassen sich alle probabilistischen Modelle anpassen 📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 48. ChatGPT beschreibt sich selbst als „trained with maximum likelihood principle“ 📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 49.
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 50: Hat man ein probabilistisches Modell , hat man über das Maximum-Likelihood-Prinzip automatisch die Verlustfunktion. Es ist „der Hammer“ der klassischen Statistik, des (probabilistischen) maschinellen Lernens und des Deep Learning (in 99,5 % der Fälle). Mit der Warnung: Wer eine andere Verlustfunktion nimmt, wird von Thor heimgesucht.
Wahrscheinlichkeit der beobachteten Daten
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 51 Gegeben:
- Beobachtete Trainingsdaten ,
- ein probabilistisches Modell .
Annahme: Die Trainingsdaten sind unabhängig und identisch verteilt (independent identically distributed, iid). Für unabhängige Ereignisse gilt , also:
Diese Größe heißt Likelihood und wird manchmal geschrieben.
Ergänzung: Als Funktion von bei festem ist eine Wahrscheinlichkeit (bzw. Dichte). Beim Training sind die Daten fest und variiert. Als Funktion von heißt derselbe Ausdruck Likelihood. Sie ist keine Wahrscheinlichkeitsverteilung über (sie integriert sich über im Allgemeinen nicht zu 1).
Das Prinzip
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 52 „Eine der schönsten Ideen der Statistik“ (Ronald Fisher 1913, vorher schon Gauß und Laplace):
Stelle die Parameter des Modells so ein, dass die (beobachteten) Daten am wahrscheinlichsten sind:
Rezept zum Training probabilistischer Modelle
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 53 und 📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 54:
Schritt 1: Probabilistisches Modell bauen. Ein Modell mit Parametern , das für beobachtete Daten eine Wahrscheinlichkeit ausgibt. Bei Regression:
wobei die Wahrscheinlichkeit(sdichte) ist, mit der das Modell den -ten Datenpunkt beobachtet.
Schritt 2: Wahrscheinlichkeit der beobachteten Daten optimieren.
Stattdessen rechnet man meist (mit demselben ):
Der Ausdruck in der Klammer ist die negative Log-Likelihood:
Warum darf man das?
- Logarithmieren: ist streng monoton wachsend. Wo maximal ist, ist auch maximal. Der Logarithmus macht aus dem Produkt eine Summe.
- Minus: Aus Maximieren wird Minimieren, damit es zu „Verlust minimieren“ passt.
- Faktor : Ein positiver konstanter Faktor verschiebt das Optimum nicht. Er macht den Wert aber unabhängig von der Datenmenge vergleichbar.
Warum will man das? Ergänzung: Ein Produkt aus tausenden Zahlen kleiner als 1 wird numerisch sofort 0 (Unterlauf). Auf der Demo-Folie liegt das Maximum der Likelihood schon bei wenigen Datenpunkten bei etwa . Summen von Logarithmen sind numerisch harmlos und lassen sich Summand für Summand ableiten.
Beispiel: Normalverteilung anpassen
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 55 Gegeben Datenpunkte mit . Man stellt so ein, dass
maximal wird, technisch: Man minimiert .
Ergänzung, nicht auf den Folien: Das lässt sich analytisch lösen.
- (der Mittelwert).
- .
Zahlen: . Dann und . Zum Vergleich mit festem :
| 3 | 14 | 2,669 |
| 2 | 18 | 3,169 |
Der Mittelwert hat die kleinere NLL, die Daten sind unter wahrscheinlicher.
Der ML-Schätzer der Varianz teilt durch und ist verzerrt (er unterschätzt die Varianz im Mittel). Die übliche Stichprobenvarianz teilt durch . Beide sind sinnvoll, nur ist eben nur die erste die Maximum-Likelihood-Lösung.
Lineare Regression mit Maximum Likelihood
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 56 Man maximiert
für alle Datenpunkte gleichzeitig. In der Demo liefert „Fit MLE“ z. B. , , , samt Unsicherheitsintervallen für die Parameter.
Herleitung des MSE
📄 04_linear_methods_ws26.pdf, Folie 57 Modell: mit , Parameter , fest.
Die einzelnen Schritte:
- Unabhängige Daten: Die Likelihood ist das Produkt der Dichten.
- Modell einsetzen: .
- Gauß-Dichte ausschreiben.
- ist fallend: Aus max wird min, das bleibt dasselbe.
- Log eines Produkts = Summe der Logs, und . Das Minus vor dem hebt das Minus im Exponenten auf.
- Konstante weglassen: enthält kein . Übrig bleibt die Summe der quadrierten Fehler , mal . Positive Faktoren ändern das Minimum nicht.
Kleinste Quadrate = Maximum Likelihood unter der Annahme normalverteilter Fehler mit konstanter Varianz. Der MSE ist damit nicht mehr willkürlich, sondern folgt aus einer überprüfbaren Modellannahme. Nimmt man stattdessen eine Laplace-Verteilung an, erhält man den mittleren absoluten Fehler (MAE), siehe 4.8.
Ergänzung: Nachdem und bestimmt sind, liefert die Ableitung nach (wie oben bei der Normalverteilung) . Das Modell sagt damit auch, wie stark die Daten um die Gerade streuen. Diese Unsicherheitsangabe ist ein Bonus der probabilistischen Sicht.